Wie können wir unsere Schiffe vor einem Angriff durch
Piraten vor Somalia schützen? Wie können wir den Einsatz von Kindersoldaten bekämpfen?
Wie können wir für eine ausreichende Ernährung unserer Bevölkerung sorgen?
Welche Maßnahmen sind wirksam, um zwischenstaatliche Kriege zu verhindern und
wie kann einer Anarchie der Staatengewalt entgegen gewirkt werden? Diese und
viele weitere Probleme mussten wir, 34 Schülerinnen und Schüler der MSS 12
unter Begleitung von Herrn Pfaff und Frau Wittfeld, bei unserer Teilnahme an
der dreitägigen POL&IS-Simulation lösen. POL&IS ist die Abkürzung für
Politik & internationale Sicherheit. Dahinter verbirgt sich eine von
den Jugendoffizieren der Bundeswehr durchgeführte sicherheitspolitische Simulation.
Innerhalb der Simulation werden politische, ökonomische
und ökologische Aspekte der internationalen Politik berücksichtigt. Ausgehend
von einer vorgegebenen politischen Situation werden die Teilnehmerinnen
und Teilnehmer politisch und wirtschaftlich aktiv. Die Handlungsoptionen
ergeben sich dabei aus ihrer Rolle. Es werden die UN, die Presse, die Weltbank
sowie 11 Regionen der Welt abgebildet.
Die Teilnehmer der Simulation sind gefordert, ihren Weg zu
beschreiten in eine Welt, die sie selber gestalten. - Create your own world!
Der erste Tag
Als wir nach einer recht verschlafenen Fahrt in der
Kaserne Birkenfeld aus dem Bus stolpern, werden wir von unserem betreuenden
Jugendoffizier empfangen und zunächst einmal einquartiert. Gute Voraussetzungen
für fröhliche Abende sind gegeben, denn wir bekommen ein eigenes Haus für uns:
2 Stockwerke, die Jungs oben, die Mädels unten; oben und unten nur
Herrentoiletten. Fein. Aber bis auf diese kleine Ungerechtigkeit und schlecht
gewaschene Bettwäsche verläuft das Beziehen unserer Wohnstätte ereignislos und
so finden wir uns bald im nächsten Gebäude ein, das unsere hochpersönliche
kleine Welt darstellt, in der wir in den nächsten Tagen Politik machen sollen.
Großartig
Vorstellen müssen wir uns nicht, kennen wir unseren Spielleiter ja bereits von
einer vorangegangenen Besprechung (oder zumindest die Anderen kennen ihn, ich
war krank, weis aber wohl die wichtigsten Sachen zu berichten): Der
freundliche, hochgewachsene Oberleutnant im Harry-Potter-Look steht auf schnelle,
gelbe Autos und ist ein Herr der Ringe Fan. (Er heißt übrigens Dennis
Liebenthal, aber das erfahre ich erst hinterher).
Das
wichtigste ist bereits bestimmt: Jeder kennt sein Land und seine Position; alle
Regierungen sind oppositionslos und Ozeanien ist im Meer versunken, mangels engagierter
Jungpolitiker.
Da die
Rollen schon verteilt sind, kann es auch gleich mit der Einführungsphase los
gehen, in der uns die wichtigsten Formulare erklärt werden. Sofort zeigen sich
die ersten regionalen Bildungsprobleme, denn so Manchem fällt es schwer den
komplizierten, zu Papier zu bringenden Wirtschaftsvorgängen zu folgen… oder ist
es vielleicht doch ein eher westeuropäischer Mangel, bei einem Raum voller
deutscher Schüler? Herr Pfaff jedenfalls setzt sich für uns ein und befindet
den Einführungsvorgang als zu schnell für Schüler. Danke, Herr Pfaff.
Gerade als über
den ersten Köpfen kleine Rauchwolken aufsteigen dürfen wir Essen und bekommen
danach die Gelegenheit uns mit unseren Rollen noch etwas vertrauter zu machen.
Zum Glück ist das Essen genießbar, denn nun beginnt das erste Polis Jahr und ob
nun verstanden oder nicht, wir müssen unseren Aufgaben nachkommen.
Meine
Position ist hervorragend, denn ich darf mich der Mitregendschaft des
wirtschaftlich unabhängigen und militärisch gut bestückten Chinas erfreuen.
Dank unserer Erfahrungen als Polis-Oldies können mein Wirtschaftsminister und
ich gleich effektiv zu arbeiten anfangen und die anfängliche Verwirrung unserer
Mitschüler in vollkommener Entspannung beobachten. Unsere Regierungschefin
hatte es mit Sicherheit nicht leicht, war sie doch noch weitaus unbedarfter.
Ich möchte mich hiermit entschuldigen, falls wir sie das ein oder andere Mal übergangen
haben, sie möge uns mit dem guten Gewissen verzeihen, das –unserer Meinung nach–
erfolgreichste Land geführt zu haben =).
Zu Beginn eines Polis-Jahres erfahren wir über die
Nachrichten, mit welchem Problem unsere jeweilige Region in diesem Jahr zu kämpfen
hat, solche Probleme seien da: Luftverpestung, Wassermangel, aufgedeckte Missstände
wie Kinderarbeit oder die Unterdrückung der Frau, Piraterie und Flüchtlingsströme.
Danach müssen politische Programme geschrieben, Truppen stationiert, Rohstoffe
und Güter an der Börse gehandelt werden. Mit der jährlichen UN-Vollversammlung endet
die aktive Spielphase für die meisten, bis auf die armen Wichte, die noch eine
Rede halten müssen. Hinter einem richtigen Rednerpult. (Und jeder war mal so
ein armer Wicht.) Ich glaube in dieser Phase haben einige Schüler ihre persönliche
Hölle durchlebt, denn selbst denjenigen, die normalerweise gut frei vor der Klasse
sprechen können, setzt das Rednerpult mächtig zu. Oder litt nur ich an
Sauerstoffmangel als meine erste Rede begann? Aber nun ja, für die meisten von
uns wird es wohl nicht das letzte Mal gewesen sein vor vielen Menschen sprechen
zu müssen, also buchen wir das als wichtige Erfahrung.
In den Reden werden die politischen Programme vorgestellt
und es wird über Erfolge und Misserfolge in der Welt berichtet.
Der zweite Tag
Viel zu früh wachen wir auf und müssen einem weiteren
regnerischen Tag ins Auge sehn. Trotzdem aufstehen und anziehen, denn Frühstück
gibt es nur von sieben bis acht und gleich darauf werden wir wieder in unseren
Parlamenten und Königshäusern erwartet. Schlafen geht sowieso nicht mehr, weil
doch tatsächlich ein paar Speziallisten noch vor dem Wecker wach geworden sind
und angefangen haben Radau zu machen. Fröhlichkeit am Morgen und vor dem ersten
Kaffe sollte eindeutig verboten werden. Das wäre doch mal ’ne Maßnahme. Aber
als wir in unserem Regierungshaus eintreffen haben wir auch ohne Fröhlichkeits-Verbot-Gesetze
genug zu tun, im Gegenteil, Als erste richtige Amtshandlung werden in Südamerika
die so genannten ‚weichen Drogen’ legalisiert.
An diesem
Tag schaffen wir 2 Jahre samt Pisastudie und WM-Auswahlverfahren und am Ende
des Tages ist in Südamerika nicht nur der Marihuanakonsum legal, es weiß so
langsam auch jeder, was er zu tun hat. Aber ich greife vor.
Das Problemkind unserer Welt heißt nicht Afrika, sondern
Asien und weil uns die armen, hungernden und wirtschaftlich nicht so
bewanderten Asiaten dann doch Leid tun, berufen wir im dritten Jahr eine
Wirtschaftsversammlung ein, die eine Art Kommunismus über die ganze Welt verhängt:
Ab dem Zeitpunkt werden wir teilen, was übrig bleibt. Es bleibt nebenbei bemerkt
eigentlich immer in machen Regionen etwas übrig, selbst wenn andere Regionen
unterversorgt sind. „Kommunikation ist wichtig, ihr habt wieder nicht
miteinander geredet!“ hören wir ein ums andere Mal die kayserliche Belehrung.
Doch es gibt auch die
unbeschwerteren Themen wie die Fußball-WM. Um sie in der eigenen Region
ausrichten zu dürfen und damit Geld in unsere Kassen zu schwemmen, sollen wir
Werbung für unser Land machen und diese kreative Aufgabe findet Begeisterung nach
all der stressigen und anstrengenden Politik. Wir sind schließlich nun schon
fast 10 Stunden konzentriert bei der Sache und damit länger als selbst während
der schlimmsten Schultage, in denen Nachmittagsunterricht auf einen Vormittag
ohne Freistunden trifft.
Auch die längsten
Tage enden irgendwann und die Mehrheit der Polisweltregierung macht sich auf
den Weg ihrerseits ein wenig Fußball zu spielen oder zu sehen.
Der dritte Tag
Zu einem von
der Vertreterin der NGO’s heimlich angeregten finalen Krieg kam es in unserer
friedfertigen Gesellschaft nicht, dafür standen die auf Frieden angelegten
Militärsteinchen nicht richtig. Nein, auf dieses letzte Jahr hätte jeder
Aktivist stolz sein können: Es herrschte Frieden, unser Globaler Kommunismus
verhinderte jegliche Unterversorgung und unsere Bemühungen für die Umwelt
fanden ihren Höhepunkt.
Friede,
Freude, Eierkuchen also. Und am Ende lauter Schüler, die nach mehr Regeln,
Hindernissen und Beschränkungen schreien.
Aus diesem kleinen Paralleluniversum des hoch
Unwahrscheinlichen werden wir brutal von einem abschließendem Vortrag des
Oberleutnants gerissen, in dem uns die tatsächlichen Verhältnisse ohne jede
Beschönigung vor Augen geführt werden und der sicher nicht nur mich zum
Nachdenken angeregt hat und mit einer letzten unbeantworteten Frage zurückgelassen
hat:
Was können wir denn in Wirklichkeit tun, als die kleinen,
unwichtigen Schüler, die wir nun mal noch sind?
Jana Zech
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